Wettbewerbsverfahren gefährdet Zukunft des Gartendecks

Der Sanierungsbeirat Wohlwillstraße diskutierte auf seiner letzten Sitzung am 7.7.2015 über eine von der Druckerei St. Pauli und dem Gartendeck eingebrachte Beiratsempfehlung zum Stopp des geplanten Bauvorhabens Große Freiheit 58-70. Nach intensiver Diskussion wurde die Empfehlung mit deutlicher Mehrheit angenommen.
Wir bedanken uns für die Unterstützung und möchten nachfolgend noch einmal unsere Motivation zu diesem Schritt erläutern, da sich das Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung in seiner Stellungnahme klar gegen einen Stopp des Verfahrens ausgesprochen hat und darüber hinaus die ursprünglich angedachte Fläche noch einmal drastisch verkleinert hat.

Das Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung hat sich zusammen mit der Sprinkenhof GmbH als Eigentümerin und im Falle des Areals 62-68 als Treuhänderin für die ’behutsame’ Nachverdichtung des Geländes Große Freiheit 58-70 in einem geladenen Wettbewerbsverfahren ausgesprochen.
Beiratsempfehlung 2015 [.pdf]
Beiratsempfehlung 2012 [.pdf]

Erklärtes Ziel ist die Schaffung von mindestens 40 neuen, zu 100% öffentlich geförderten Wohneinheiten. Die bestehende Gewerbenutzung seitens Druckerei St. Pauli, Indra und Grünspan soll dabei erhalten werden. Die Grundlage für die Auslobung wurde bereits vor einigen Jahren gelegt und 2012 in einer Beiratsempfehlung konkretisiert.

Im Frühjahr 2014 präsentierte Herr Mathe, Leiter des Amtes für Stadt- und Landschaftsplanung, die Aufgabenstellung für die zu entwickelnde Fläche im Sanierungsbeirat. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch bekannt gegeben, dass die Formulierung ’Gartendeck erhalten’ Bestandteil der Ausschreibung sein soll. Seit Beginn 2011 hat das Gartendeck keinerlei Bestandssicherheit zum Fortbestehen am jetzigen Standort, daher wurden Gespräche mit Fachamt und Politik über mögliche städtische Ausweichflächen bereits frühzeitig, aber ergebnislos geführt. So kam die Einbindung in das Planungsverfahren zwar unvorbereitet, aber dennoch nicht gänzlich überraschend.

Da eine potentielle Ausweichfläche im dicht besiedelten St. Pauli fehlt und das Projekt von einem ursprünglich durch Kampnagel initiierten temporären Garten zu einer gut funktionierenden Stadteilinitative gewachsen ist, konnte sich das Gartendeck den ’Erhalt’ und einen Sitz in der Sachjury durch Beirat und Ausschuss im Herbst 2014 absichern lassen. Gespräche mit dem Fachamt und die Einsichtnahme in den Ausschreibungsentwurf im Februar ließen aber schnell zu dem Schluss kommen, dass das Projekt mit deutlich verringerter Fläche nun auf den Stand eines zu prüfenden Erhalts abgerutscht war. „Eine Integration des Projekts ‘Gartendeck’ in die Projektentwicklung soll auf Wunsch des Quartiers und der Kommunalpolitik im Rahmen des Wettbewerbs zusätzlich geprüft werden“ heißt es in der Drucksache 21-0925, Fachamt interner Service vom 13.04.2015.

Zudem kamen Bedenken über die Ernsthaftigkeit der geplanten Integration des Gartens auf, da die geladenen Büros keinerlei Landschafs- und Freiraumplanungskompetenz aufweisen, während hingegen ein externes Verkehrsplanungsbüro zum damaligen Zeitpunkt als zusätzliche Unterstützung durch den Auslober vorgesehen war.

Prägnanter in diesem Zusammenhang ist allerdings der oftmals vorgebrachte Konflikt zwischen Gartendeckerhalt und benötigtem bezahlbaren Wohnraum. Dieser ist durch das zugrunde liegende Konzept einer Zonierung in ’laut’ und ’leise’ keinesfalls gegeben. Es wurde klar geäußert, dass auf dem Gelände des Gartendecks reine Gewerbeneubauten entstehen sollen.

Die Wohnbebauung ist im vermeintlich leisen Bereich des Gewerbehofs der ‚Alten Fischräucherei’ vorgesehen. Die entsprechende Folie des Gewerbelärmgutachtens wurde zwar präsentiert, fand sich aber nicht in späteren Dokumenten wieder. Es ist davon auszugehen, dass durch die 40 neuen Mietparteien in engster Nachbarschaf zur Druckerei Beschwerden über die langen und mit bis zu 70db lauten Gewerbearbeiten erfolgen werden.

Ein weiteres, bisher ausschließlich der Sprinkenhof GmbH bekanntes Gutachten bezieht sich auf den seit Jahren leerstehenden Gebäudeteil der denkmalgeschützten ‚Alten Fischräucherei’. Auf Nachfrage ist auch dem Fachamt dieses Gutachten zur baulichen Substanz und Statik bisher nicht bekannt. Der Wettbewerb sieht daher zwei Entwurfsvarianten vor: Erhalt und Abriss.

Noch 1997, zu Beginn des Sanierungsverfahrens, waren für das Sanierungsgebiet insgesamt 22.396 qm Frei-, Grün- und Spielflächen vorgesehen. Durch die Veränderungen des Erneuerungskonzeptes über die Jahre zugunsten von Wohnraum in den Bereichen Talstraße 45-47 und dem Pestalozzi-Quartier verringerte sich die Fläche auf 18.389 qm. Nun stehen in der Großen Freiheit mehr als 2000 weitere Quadratmeter zur Disposition. Zwar handelt es sich um Freiflächen mit eingeschränktem öffentlichen Zugang, doch gewährleistet genau diese Bewirtschaftung durch Druckerei und Gartendeck die sonst oft übliche Vermüllung der Flächen zu verhindern.

Der Gewerbehof mit erhaltenswertem Baumbestand gehört zu einem der letzten innerstädtischen dieser Art und bietet auch der sogenannten 1-stöckigen ’Budenreihe’ genügend Grün und Licht. Gemeinsam mit der ehemaligen Fischräucherei und den Mennonitenhäusern bildet sie ein städtebaulich einzigartiges Ensemble. Das Projekt Gartendeck geht sogar über die reine Freifläche hinaus und bietet einen nachbarschaftlichen Ort des Gestaltens, Lernens und Begegnens.

Aufgrund der jahrelangen Verzögerung des Wettbewerbs und der ohnehin Konflikt beladenen Entwicklung St. Paulis haben sich mittlerweile die Parameter verschoben. Die extreme Verdichtung und der zunehmende Tourismus verstärken den Wunsch nach verbleibenden Frei- und Rückzugsräumen. Auch das Verständnis von Stadt- und Mitgestaltung hat sich verändert. Die viel diskutierte Globalisierung hat Aspekten der Ökologie und Ökonomie größeres Gewicht und mehr Bedeutung verschafft. Sieht man sich Prozesse wie die Planung des Esso-Areals und die dafür aktuell eingereichten Entwürfe diverser Architekturbüros an, wird deutlich, welchen Stellenwert Urban Gardening, das sowohl Gemeinschafs- als auch Naturräume fördert, gewonnen hat. Darüber hinaus ist die Skepsis gegenüber Bauvorhaben durch spätere Interessensverschiebungen gewachsen. Wo ursprünglich Studentenwohnungen geplant waren, sollen heute Eigentumswohnungen entstehen. Wo familienfreundliches Wohnen auf St. Pauli angedacht war, wähnt man sich schon bald in einem ganz anderen Stadtteil gelandet zu sein.

Zusammengefasst wird deutlich, dass der öffentliche Kenntnisstand zu Planung und Bestand in der Großen Freiheit 58-70 ungenügend ist für ein geschlossenes Verfahren, das vorsieht, innerhalb kürzester Zeit ein Bebauungskonzept zu einem der wenigen noch existierenden Freiräume St. Paulis zu küren.

Eine umfangreiche Beteiligung im Planungsverfahren ist zwingend notwendig, um andere Zielvorgaben entwickeln zu können und künftige Nutzungskonfikte dadurch zu vermeiden.

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